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2b AHEAD Zukunftskongress in München 2021

Alle Jahre wieder (trotz Corona) und nun der zwanzigste Kongress. Glückwunsch an 2b AHEAD ThinkTank, Europas größtem Zukunftsforschungsinstitut, zum „Geburtstag“. Die Hälfte der Reise durfte ich teilnehmen. !0 Jahre Berichte über den innovativen Hotspot, das Treffen interessanter, manchmal unglaublicher Menschen aus Industrie, Forschung und Kunst. Danke dafür und nun hinein in den Kongress 2021, zweiter Teil:

Die technologische Zukunft des good old Europe

“You’re thinking of Europe as Germany and France. I don’t. I think that’s old Europe.” Das Zitat von Donald Rumsfeld (USA) in einem anderen Zusammenhang beschreibt das aktuelle Dilemma. Kluge Köpfe wandern zu Technologiestandorten ab, Technik und Wissen für die Zukunft wird auf anderen Kontinenten erzeugt. Das alte Europa, einst Standort von Wissenschaft und Kultur, wird abgehängt. Oder hängt es sich selber ab? Einige Beispiele, die exemplarisch als Antwort herhalten.

The Future of Genetics

Der Genom Based Lifestyle stellt die Medizin auf den Kopf – oder auf die Füße, wie man es betrachtet. Eine komplette Sequenzierung des Genoms ermöglicht Reparieren und Optimieren. Aber es ruft auch die Ethik auf den Plan: Spielt Mensch Gott oder ist er besser als der alte Herr da oben? Dr. Kinneret Shefer (ISR) CEO GeneNeer, hat mit ihrem Team eine Technologie entwickelt, mit der man Genveränderungen in Pflanzen an- und wieder ausschalten kann. Sie werden widerstandsfähig für Extremwetter ohne die Nebenwirkungen dauerhafter Genveränderungen. Pflanze mit Schalter, aha.

Dürre tolerierende Nutzpflanzen sind in der Lage, auf „Befehl“ die Verdampfung der Pflanze zu verlangsamen. Das allerdings entzieht ihr auch die Photosynthese. Die Pflanze überlebt, wächst aber nicht. Die Gentechnik verändert oder löscht Teile des Genstranges, es ist aktiv, solange es da ist. Der Plan: „Wir arbeiten daran, die Gene zu aktivieren und / oder zu deaktivieren – on demand.“ Genetic enginering, Cultured Meat, Medical food – wir können uns auf einige Neuerungen gefasst machen.

Froschzellenroboter

Michael Levin (USA) Director, Allen Discovery Center, Tufts University hat die Xenobots 2.0 geschaffen. Aus Froschzellen setzt sein Team „lebende Roboter“ als rekonfigurierbare Organismen zusammen, die es noch nie zuvor gegeben hat. Die millimetergroßen Xenobots können sich auf Ziele zubewegen, sie einkreisen und sich selbst heilen. Eines Tages sollen solche maßgeschneiderten Wesen radioaktive Verseuchung aufspüren, Mikroplastik aufsammeln oder in menschlichen Arterien Ablagerungen abschaben. Levin nennt das die synthetische Morphologie, fördert kollektive Intelligenz der Zellen, unterstützt Regeneration ähnlich der bei Axolotl und Planaria. Sein großer Plan: Geburtsdefekte, Unfallschäden, Krebs, Alter – vieles lässt sich in Zukunft programmieren und reparieren. Unglaublich!

Zukunft des Handels: Wohin kommen die neuen Güter, die geschaffenen Lebensmittel?

Richtig, in den Supermarkt. Wie super die Märkte der Zukunft sind, zeigt Steve Gu (USA) Co-Founder AiFi. Er schafft mit seinem StartUp die Kassen und das Personal im stationären Handel ab. Mit seinen Unmanned Stores und Gas Stations beginnt inzwischen weltweit eine neue Ära des Retail. Erste Geschäfte ohne (Verkaufs-)Personal gibt es schon. Schreckensszenario aller Gewerkschafter und Innenstädte?

Die autonomen Läden von Amazon sind nur der Anfang. In den Niederlassungen von „carefour flash“ heißt das Motto: 10 sek. Einkaufen, 10 sek. Bezahlen. Bisher konnten nur eComerce Anbieter ein Profil des Kunden erstellen und Angebote personalisieren. Im Handel begann dies über Kundenkarten. Die Daten der zukünftigen Märkte gehen zurück zu den Anbietern. Sie können auf den Kunden spezifizierte Angebot erstellen, bevor der Kunde selber weiß, was er braucht. Die Läden der Zukunft passen Preise und Waren an die Region und Kaufkraft an. Die Kosten der Mitarbeiter sinken, das Inventurmanagement ist effizienter, der Service steigt. Eine Menge Kameras erfassen und tracken den Kunden während des Einkaufs, „wissen“, was in seinem Einkaufskorb ist und leiten die Bezahlung ein. Interessante Frage: Kommt beim Diebstahl ein virtueller Polizist?

Deutschland als Innovationsnation

Thomas Sattelberger MdB, FDP, ehem. Vorstand Lufthansa, Continental, Telekom – auch er ist ein „Wiederholungstäter“ bei 2bAHEAD. Schon in 2016 wusch er (gedanklich) den Anwesenden den Kopf. Lesen Sie gern hier weiter:

Er fordert impulsiv und wortgewaltig, Deutschland soll sich auf den Weg zu einer „innovation nation“ machen. (Siehe auch „good old europa“ weiter oben…) Deutschland ist führend in Bürokratie, Verwaltung und Technikfolgenabschätzung (sic). Das hilft aber nicht weiter in einer Welt, die sich heute (!) verändert. Und das sehr sehr schnell.

Das Forschungsministerium hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Start-ups gehen dort hin, wo sich Bedingungen für Forschung und Erfolg finden. Da geht es sich auch um Geld, aber nicht nur das. In einem Klima von Paragrafen und Antragsbearbeitungsdauerverlängerungsprognose gedeihen keine klugen Ideen. Zwei Möglichkeiten: Flucht, oder quer im Stall zu stehen. Das kann nicht schaden in einem Land, welches komplett stromlinienförmig ist. Aber meckern allein gilt nicht. Sattelbergers Vorschlag: Deutschland muss sich überwinden und ein Klima (und Orte) für Innovationen schaffen. Von experimentelle Werkstätten in Kindergärten (!) bis zur Gründerkultur reichen seine Gedanken. Sonderwirtschaftszonen um Bildungscluster herum, damit die Gründer aus den Unis nicht abwandern. Enterprise Zone für kluge Köpfe. Und der Staat ist in der Pflicht. Wo bleibt die „Agentur für Sprunginnovation“?