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Bockiger Abgesang – Über Covidioten und andere Menschen

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Über Außenseiter macht Mensch sich gern lustig. Und Visionäre gehören in die Klapse (sinngemäß Helmut Schmidt). So gesehen sind 30 Jahre Botho Strauss ein ganz besonderes Jubiläum. Wie das eine mit dem anderen verknüpft ist, dazu weiter unten mehr. In meinem Archiv liegen zwei Texte. Der eine fast 30 Jahre: „Anschwellender Bocksgesang“ aus 1993. Der andere etwas frischer: „Der Plurimi Faktor“ aus 2013. Verfassser ist Botho Strauß, Schriftsteller und Dramatiker. Was ihn meiner Meinung nach auszeichnet, ist ein sezierender Blick auf die Gesellschaft. Wortgewaltig und intellektuell hochgerüstet zerlegt er menschliches Verhalten und hält uns froh den Spiegel vor die Nase. Anstrengend durchaus, keine leichte Kost sicherlich.

Hier soll es nicht um eine Auseinandersetzung mit den beiden Artikeln gehen. Das maße ich mir nicht an. In ihnen tauchen aber Anmerkungen auf, die für die momentane, außerordentliche Situation in viralen Zeiten relevant sind. Und es sei mir erlaubt, mich an diesen Anmerkungen entlang zu hangeln – unterstützen sie doch meine Sicht auf die Gesellschaft im Ausnahmezustand.

Der Ausbruch

Nur Tage vor dem Einschlag sieht eine ganze Nation rot. Abgesehen davon, dass der zeitliche Vorsprung seit dem Ausbruch in China fast drei Monate beträgt. Ein sehr luxuriöser Vorsprung für Politik und Gesundheitswesen – finde ich. Nun lässt es sich nicht mehr ändern, weil zögerliche Beamte und rückversichernde Politiker gnadenlos Zeit verstreichen ließen. Strauss nennt dies einen „politisch-technischen Selbstüberwachungsverein“(A).

Die Schwächen des Systems, die Fehlbedarfe, die mangelnden personellen Strukturen, das „kostenoptimierte“ und „beste Gesundheitssystem der Welt“ – ein Kartenhaus. Ein tödliches Kartenhaus. Kaputt gespart, Mitarbeiter demoralisiert, Vorräte Fehlanzeige. (Keine Sorge, das wird kein Jammer-Thread.)

Es gibt auch Solidarität und Hilfsbereitschaft. Aber die hilft nicht gegen den Killervirus. Strauss dazu: „Sicher ist, dieses Gebilde braucht immer wieder wie ein physischer Organismus den inneren und äußeren Druck von Gefahren, Risiken, sogar eine Periode von ernsthafter Schwächung, um seine Kräfte neu zu sammeln, die dazu tendieren, sich an tausenderlei Sekundäres zu verlieren.“(A)

Dumm nur, dass dieser Druck übermächtig ist und das „System“ zu zerlegen droht. Verflixt, dass auch noch so viel Geld keine Infrastruktur, keine Intensivmedizin und schon gar keine Fachkräfte kaufen kann. Nicht in dem benötigten Umfang und der zur Verfügung stehenden Zeit. „Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen; bei denen es eine nachteilige Rolle spielen könnte, daß der reiche Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat (A)

Wohlgemerkt stammt dieser Satz aus 1993. Soviel zum Thema Visionen. Und soviel zum Thema, welche Werte und Institutionen in Krisenzeiten relevant sind. Menschen hören auf einen Virologen, der zum medialen Superstar wird. Er wird es, weil die politischen „Eliten“ weder Charisma haben. noch glaubhaft planvoll agieren.

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Der Mensch

Wenn es auch in einem anderen Zusammenhang in den Texten auftaucht, passen die Zeilen perfekt in die Zustandsbeschreibung eines Landes im Panikmodus. Das Land der Dichter und Ingenieure. Ja, und das Land der kleinbürgerlichen Egoisten und Klopapierhamsterer. Der oben avisierte Druck bringt das Wahre, Innere zum Vorschein. Die Fassade ist ab, der Vorhang ist gefallen. Jetzt geht es nur noch darum, seinen eigenen Arsch an die Wand zu bringen und selbigen mit Nudeln vollzustopfen. Die Urängste bringen das Wesen ans Licht. Hässlich, niedrig, dumpf. Strauss dazu: „Nach der Würde – ach, Leihfloskel vom Fürstenhof! – meines deformierten, vergnügungslärmigen Landsmannes in der Gesamtheit seiner Anspruchsunverschämtheit muss ich lange, wenn nicht vergeblich suchen.“(A)

Die Unbelehrbarkeit muss eine der biblischen Todsünden sein. So resistent, wie lästige Krankenhauskeime, kleinbürgert der freiheitsliebende Germane herum. Selbstverständlich sind die Hinweise zum Verhalten bei nahender Gefahr von Vater Staat (und Mutti Merkel) nur Kann-Hinweise. Disziplin und Beschränkung – oh, ihr widerwärtigen Worte! „Der heitere Idiot in der Welt der Informierten zu sein heißt, ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben.“(P) Oder anders formuliert: Der nach unten offene Grad der Bildung ermöglicht ein sorgenfreies Ableben.

Linguisten sind nicht gerade im Tagesgeschehen wahrnehmbar. Doch schaffen sie es, Dinge auf den wortwörtlichen Punkt zu bringen: „Covidiot“

The definition of the word ‚Covidiot‘ is when a stupid person who stubbornly ignores ‘social distancing’ protocol, thus helping to further spread COVID-19. The word Covidiot also describes a stupid person who hoards groceries needlessly spreading COVID-19 fears and depriving others of vital supplies.

„Der COVIDIOT“ Die Definition des Wortes „Covidiot“ ist, wenn eine dumme Person, die das Protokoll der „sozialen Distanzierung“ hartnäckig ignoriert, zur weiteren Verbreitung von COVID-19 beiträgt. Das Wort „Covidiot“ beschreibt auch eine dumme Person, die Lebensmittel hortet, die unnötigerweise COVID-19-Angst verbreiten und anderen die lebenswichtige Versorgung vorenthalten.

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Die Gesellschaft

Völlig überfordert und gelähmt blickt der Homo Europaeus auf die sich auftürmende Welle am Horizont, die näher rückend alles zu verschlingen droht. Es ist im wahrsten Wortsinn unfassbar und unbegreifbar. „Auch im Begreifen liegt immer etwas Gestriges. Wir begreifen ja das Neueste in vorgeprägten Formeln, die längst abgegriffen sind.“(P) Das Unbekanntes ängstigt, weil es nicht einzuordnen ist, folgt logisch. Und wie geht eine satte, reiche, „zivilisierte“ Gesellschaft nun damit um?

Hilft nun das volle Regal, das dicke Konto, das große Auto? Sind die ökonomisch gedrillten Menschen nunmehr mit Dingen ausgestattet, die eine dreiwöchige oder dreimonatige Quarantäne überstehen helfen? Ich wage es zu bezweifeln. Beginnen wir damit, dass es wohl schon schwerfällt, nichts zu tun. All die ach so gestressten Berufstätigen jaulen, dass sie nunmehr zuhause (!) ausruhen (!) müssen. Couch Potato wird Ouch Potato. Weiter geht es mit der drohenden Langeweile. Bitte? Wie geht das denn? Endlich mal das Buch lesen, was noch original verpackt im Regal liegt, endlich mal den Papierberg wegheften und ausmisten. Überflüssiges, Ballast definieren und für den Abtransport markieren. Die Frühlingssonne auf dem Balkon genießen. Usw, usf.

„Nach Lage der Dinge dämmert es manchem inzwischen, daß Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar Überlegenheit zeigen werden.“(A) Nach dem Runterkommen, dem Ausstieg aus dem Hamster(!)rad vielleicht eine willkommene Gelegenheit, sich seiner selbst zu besinnen. Vielleicht drängen sich dann die eigenen bösen Geister auf, die sich prima im Alltagsgetriebe versteckten ließen. Nutzen Sie doch die Gelegenheit, über sich, Ihr Leben und Ihre Ziele nachzudenken. Passt gerade ganz gut.

Und es bringt nichts, stündlich die Fallzahlen und Infektionskurven zu googeln. Davon wird es auch nicht besser. „Die großen Schrecken der Welt zählen zu den geringsten unter den Sensationen, die sich dem letzten einzelnen, dem Idiotes, aufdrängen.(P) Es sei denn, der Schrecken der Welt klopft laut an die eigene Tür…

Der Leser

Dank dem Leser für das Durchhaltevermögen. In Zeiten von „LOL“ und „HDL“ sind drei Seiten Text schon heftig. Vielleicht haben Sie ja auch eine Meinung, etwas zu sagen, resp. zu schreiben. Zögern Sie nicht, denn Kommunikation ist keine Einbahnstraße.

abendfarben@web.de

Passen Sie gut auf sich und Ihre Lieben auf. Halten Sie sich an die Regeln, die ja gar nicht so schwer sind und bewahren Sie sich weiter ein sonniges Gemüt. Geduld und Ruhe sind nun erste Bürgerpflicht. Nutzen Sie die Zwangsauszeit sinnvoll und sinnenvoll.

Quelle der Zitate (A) aus „Anschwellender Bocksgesang“: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681004.html

Quelle der Zitate (P) aus dem „Plurimi Faktor“: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-104674126.html

2b AHEAD: Bildung durch Inspiration und Verantwortung

Kann eine Schulbildung fordern und fördern? Gibt es Fächer wie Verantwortung, Herausforderung oder Zukunft? Bilden Schüler Lehrer aus? Ja, an der evangelischen Schule Berlin Zentrum unter der Leitung von Margret Rasfeld.

Die Schulleiterin stellte auf dem Zukunftskongress 2b.AHEAD ihre Schule vor. „Die unsägliche Pisa-Studie hat die Lehrer und Schulen gezwungen, auf die Anforderungen hinzuarbeiten.“ so Rasfeld, und weiter „Wir brauchen aber eine Bildung mit ökonomischer, ökologischer und künstlerischer Phantasie!“

Gesellschaft spaltet sich nach ihrem Bildungsgrad

Wahrlich keine guten Aussichten für ein Deutschland im Jahre 2021: Menschen haben durch gute / schlechte Bildung den Gang in die Elite oder in die Slums vor sich. Wessen Talente und Leidenschaften nicht gefördert werden, wer seine Potentiale nicht entfalten kann, der verkommt in einer schnellen, mobilen Gesellschaft. Rasfeld fordert einen Aufbruch in die Elitegesellschaft. Elite – allein dieses Wort rieft noch vor kurzer Zeit Bedenkenträger auf den Plan. Doch spiegelt die Statistik wieder, dass andere Länder mit ihren Eliten wesentlich pfleglicher und erfolgreicher umgegangen sind. In den BRIC-Staaten oder den USA sammeln sich die Hochbegabten, die Ingenieure mit Klasse. Neben dem demografischen Wandel und der Alterung gehen Deutschland schon heute die Spitzenkräfte aus.

Schule verformt

Wenn Beamtenriegen mit Papierbergen die Autonomien der Schulen ersticken, sorgen sie für Pisa. Fragen der Schüler, selber denken, Urteile bilden sind Voraussetzungen für die Gehirnakrobaten von Morgen. „Durch das Verteilen von Noten und Chancen nach Rastern gehen Talente verloren. Und stets ist ein Mensch in der Nähe, der dem Kind sagt: Tue dies, lass das!“, so Rasfeld. Mit einem für deutsche Verhältnisse erstaunlichen Konzept arbeitet die Berliner Schule an einem Transformationsprozess durch radikalen Wandel der Lernkultur. Den Menschen eingrenzende Hierarchien sind eine Fehlanzeige, das Verwaltungsdenken ist auf ein notwendiges Minimum reduziert. Einen Stundenplan gibt es nur als Gerüst. Wählen als Motivationsfaktor spornt die Einsteins von Morgen an.

Zukunft der Schule

Ein Schüler an dieser höheren Berliner Bildungsanstalt geht morgens in ein Lernbüro. Dort hat er zwei Stunden mit Materialien der Schule Zeit für die Vorbereitung und das Lernen. Selbstbestimmt geht er danach in den Fachunterricht seiner Wahl. Deutsch, Englisch, Mathe, Gesellschaftskunde sind nur Teil der Ausbildung. Auch Fächer wie Verantwortung stehen auf dem Lehrplan. Und Herausforderung kommt später. Projekte außerhalb der Schule lassen die Schüler in steten Kontakt mit der Realität. Sie halten selbst Vorträge, geben Computerkurse. Sie werden zu Lehrern und erzählen Pädagogen etwas über das Konzept der Schule. Dass sie das nicht umsonst machen, versteht sich von selbst. 12.000 Euro haben die „Kleinen“ bisher eingenommen. Den Umgang mit Geld und das Wirtschaften können sie nicht früh genug lernen. Und sie bekommen ein Gespür, auf Menschen zuzugehen. Sie planen, geben Unsicherheiten eine Chance und sind offen für Neues.

Auf die Barrikaden!

Schulen sind das größte Unternehmen der Bundesrepublik. Die Saat der Bildung braucht Dünger und Wasser. Die Kinder sind die Zukunft des Landes und kleine Schlauberger sollen einmal die CEOs der führenden Unternehmen der Welt werden. „Und keiner geht auf die Barrikaden!“ so Rasfeld. All die Studien und Berichte über das schlechte Abschneiden der deutschen Schüler hat kaum etwas im Bewusststein der Menschen bewirkt. Die Politik ist eher wahltaktischen Erwägungen erlegen. Und die Konkurrenz, die Länder mit effizientem förderndem Schulsystem, sorgt kräftig für Vorsprung durch Bildung. Die Zukunft? Steht in Berlin, funktioniert, bringt prächtige Köpfe nach vorn. Und aus der ganzen Republik reisen neugierige Lehrer an, um sich dieses ganz andere Bildungssystem aus der Nähe anzusehen. Möge sich der Berliner Virus im (Bildungs-) System einnisten und ganze Arbeit leisten: An gedanklichen Firewalls vorbei, durch Kritikaster-Scanner hindurch in die Köpfe und Herzen der Menschen, denen die Zukunft dieses Landes noch etwas bedeutet.

2b AHEAD: Zukunftstechnologie – Sicherheit durch Maschinen in einer unsicheren Zeit?

Technikgläubigkeit, Brückentechnologie, Hightech – unser Sprachgebrauch ist voller Bilder von Maschinen, Technik oder Computern. Ist die Technologie der Zukunft unsere Rettung oder Bote der Zerstörung? Eine Frage, der sich E-Business-Experten, Robotologen und Virtualisten auf dem 2b AHEAD-Zukunftskongress stellen.

Die Diskussion zu Daten und Privatsphäre hat eine Erweiterung gefunden: Entscheidungsfreiheit. Wenn Maschinen Assistenzsysteme werden, entscheiden sie dank schneller Prozessoren und großer Speichermengen blitzartig. Wir schätzen den Ratgeber Navi, erfreuen uns an der Überwachung unsers intelligenten Hauses und nehmen Ratschläge aus dem Smartphone entgegen. Doch wollen sich die Menschen in eine Abhängigkeit dieser Art begeben, wollen Sie die Kontrolle über Systeme abgeben? Und wer – oder besser was – ist dann in der Verantwortung bei Fehlentscheidungen oder Schäden durch sie?

Augmented Reality vs. Baedecker

Man nehmen 150 Millionen Points Of Interest, verbinde Browser und Smartphone mit WIKITUDE – fertig ist der virtuelle Reiseführer. Besser als seine gedruckten Kollegen kann er allein durch Bilderkennung, GPS und Richtungssensor zu Objekten auf der ganzen Welt Einträge auf den Bildschirm platzieren. Philipp Breuss-Schneeweis war der Gründer und Ideengeber dieses einmaligen Browsers. Laut ihm arbeiten die Entwickler an einer „Rückwärts-Funktion“, die es dem Betrachter ermöglicht, in die Vergangenheit der Orte und Objekte zu reisen. Was den Gründer begeistert, ist die Verbindung zum User generierten Content. In 10 Jahren hat jeder ein hoch leistungsfähiges Smartphone und ist in der Lage, mobil zu Orten oder Gebäuden Informationen zu speichern. Eine Aktualität und Datenvielfalt, der auch das Standartwerk in seiner gedruckten Form – dem BAEDECKER – nicht gewachsen ist.

Leben mit dem Blechkollegen

Eine Vision lässt manchen auf dem Zukunftskongress erschauern: der Kollege aus Blech im Büro, an der Werkbank. Oder gar ein Roboter als Chef. Dr. Natascha Esau von der Uni Paderborn denkt noch weiter. 2121 diskutieren wir über eine Roboterquote vs. Menschenquote bei der Besetzung von Stellen oder Führungsaufgaben. Sie muss es wissen, arbeitet sie doch in der Forschung, die aus dem kalten, steifen Roboter einen emotionalen, empfindungsfähigen Zeitgenossen macht. Sie möchte ihn mit Sensoren ausstatten, die unsere Regungen, unsere Stimmlage und die Gesichtszüge analysieren und daraus auf unseren Gefühlszustand schließen. Auch wenn das noch Zukunftsmusik ist, im pflegerischen Bereich und in der Altenversorgung sind andere Länder schon einen großen Schritt weiter. Dort sind die Helfer-Maschinen eine Entlastung bei schwerer oder Routinearbeit. Sogar einen Kuschelroboter aus Plüsch gibt es schon.

Sozialer Raum, Intransparenz und Selbstkontrolle

Schon heute, weiß Sam Mandel von TWEET DECK, sind meine digitalen Daten überall verfügbar. Versicherungen, Banken und Dienstleister wissen so gut wie alles über uns. Menschen tun ihren Teil dazu, die Datensammlung zu vergrößern. Sie bewegen sich im virtuellen sozialen Raum, hinterlassen Spuren und Informationen zu ihrem Leben sowie ihrer Person. Doch dieses Ende der Privatheit lässt alte Ängste hervorkommen. Big Brother, der Überwacher an sich, ist wieder möglich. Nicht nur der Staat (und autoritäre Systeme) wittern umfangreichen Zugang zu jedem Einzelnen, auch Geheimdienste entwickeln professionelle Instrumente zur Überwachung. Was dann mit zusammengeführten massiven Datenbergen geschieht, ist nicht mehr transparent. Prof. Dr. Schildhauer von der UNI Berlin ahnt eine Zweiteilung der Menschen: Die Elite, die gelernt hat damit umzugehen und ein Bürgertum, welches nur Daten liefert und nicht reflektiert, was mit diesen geschieht. Einen AUS-Knopf gibt es nicht. Die Entscheidung, was von einem Selbst im globalen Gedächtnis bleibt, liegt zum Teil auch in der Hand eines jeden Menschen. Technologien der Zukunft werden von Menschen gemacht. Und der Umgang damit muss erlernt und trainiert werden.

Schalte den Roboter aus, bevor er dich ausschaltet

Dr. Karlheinz Steinmüller, Forscher und Sience Fiction Autor beim Kreativ Warm-Up zum zweiten Tag des Zukunftskongress 2b AHEAD: Schalte den Roboter aus, bevor er dich ausschaltet. Kommt ein Computer-Virus in den Herzsschrittmacher? Was kann alles schief gehen? Welche Furcht bewegt uns heute? Murphys Gesetz vom Feinsten! Albträume, wie ein Hackerangriff auf den heimischen Elektroherd? EHEC 2.0 oder Denk-Apps? Ist des Zauberlehrlings Rache die Geiselnahme eines AKWs, um Politiker zu erpressen? Was ist schlimmer: der Verlust des Dialogs zwischen den Menschen, oder ein Plastic Planet? Gäste des 2b AHEAD-Zukunftskongress steuerten ihre Gedanken bei und sammelten Karte an Pinnwänden. Ein spannender Moment und ein guter Start in den Tag.

2b AHEAD: Produkte und Kundenbedürfnisse für eine Ökonomie der Unsicherheit

Wenn Lebenswelten unsicher werden und die Wirtschaft ihre hergebrachten Strukturen verliert, sind Mensch und Gesellschaft auf der Suche nach Antworten auf ungewöhnliche Fragen. Prognosen geben nur ein grobes Raster, die Zeit ist schnelllebig geworden.

Immense Datenmengen sorgen für trügerische Übersicht und Kontrollfähigkeit. Schnellste Rechner liefern in Sekundenbruchteilen Analysen und Zahlenberge. Doch die Krux am Info-Schwall: Die Mengen überfordern, Entscheidungen fallen schwer und die Suche nach der richtigen Information wird zum Puzzle. Wie ein Hirnforscher, ein Spielverkäufer und ein Fernsehzeitungsmacher mit dem Problem umgehen, erfahren Sie hier.

Das Hirn wird Lösungen finden

Prof. Dr. Gerald Hüther von der Uni Göttingen muss es wissen: „Das Hirn wird Lösungen finden!“ Unsicherheiten sorgen für einen Zwang, sich selbst und neu zu organisieren. Von außen dringen nur Warnsignale und schlechte Nachrichten auf den Menschen ein. In grauer Vorzeit waltete ein archaisches Notfallprogramm und sorgte für die Ur-Reaktionen. Der Angriff, die Flucht oder eine ohnmächtige Erstarrung. Letztere, so Hüther, hat die Menschen derzeit im Griff. Die rasante Entwicklung einer globalen Wirtschaft, die Umwälzungen ganzer Gesellschaften und die Infragestellung der bisherigen Sozialsysteme – zu viel für Menschen, die in Strukturen und Abläufen lebten und dachten. Menschen müssen Vertrauen in den Sinn ihres Tuns haben. Sie müssen durch Erwerb oder Aufbau von Kompetenzen Vertrauen in sich selbst entwickeln. Und Menschen brauchen tiefes Vertrauen in andere Menschen. Wie das geht? Durch Begeisterung an einer Sache, durch Intuition im Bauch und Erfahrungen, die unter die Haut gehen. Das, so Hüther, unterscheidet uns explizit von Robotern und Computern. Die haben ja nicht mal Hunger …

Prof. Dr. Gerald Hüther

(Erfahren Sie mehr über Roboter, deren Emotionalität und unsere Zukunft mit dem Blechkollegen im dritten Teil der Serie.)

Von der Walze zum Monitor

Einarmiger Bandit, Zockerkiste, Klimperkasten – ein Glücksspielautomat hat viele Bezeichnungen. Und Tim Wittenbecher, der CEO von Bally Wulff, sorgt mit seinem Unternehmen für Innovationen an diesen Automaten. Heute dienen Monitore als Blickfang und die Spiele kommen über die Telefonleitung in den Kasten. An den Geräten selbst, so Wittenbecher, verdiene das Unternehmen nichts. Die Adaption, die Spiele-Flatrate, sorge für Umsatz. Schnelle Auswertung der Spiele mit den meisten Hits und dem besten Umsatz schiebt die Cash-Cow auf den Monitor. Eines habe sich aber trotz technischer Entwicklung nicht geändert. Die Haptik, das Licht, das Klimpern von Geld im Kasten – unverzichtbare Bestandteile eines Automaten im Wandel der Zeiten.

Gib mir meine Fernsehzeitung!

Ned Wiley reist mit den Gästen des Zukunftskongresses durch die Zeit. Von der Höhlenmalerei über die Laterna Magica, vom Kino über das Fernsehen bis zum heutigen unbegrenzten Zugang zu allen Inhalten auf allen Geräten. Atemberaubend und verunsichernd zugleich. Denn die vorhandene Vielfalt macht eine Auswahl schwer, schlimmer noch: Inhalte werden nicht mehr gefunden. Wiley: „30 Prozent des Traffic im Netz sind Filme. Es ist für einen Kurator praktisch unmöglich, das zu evaluieren.“ Der Nutzer hat drei Möglichkeiten. Er sucht aktiv nach ihn interessierenden Inhalten, er surft und lässt sich treiben im Wust des Angebots oder er bekommt es maßgeschneidert geliefert. Letzteres ist die Aufgabe von Wiley, dem Managing Director bei Axel Springer Digital TV Guide. Mit seinem Team, gesammelten Metadaten und künstlicher Intelligenz sorgen sie für Sicherheit beim Zuschauer. Dessen Präferenzen und selbstlernende Algorithmen schaffen ein Abbild der Interessen und ein Suchschema in den unendlichen Weiten des WWW. Konsequenz für TV-Sender: Produzent, Aggregator und Problemlöser in einem zu werden. Wenn für den verunsicherten Zuschauer aus dem Angebot und seinen Interessen ein passender Stream entsteht, ist der Klick auf die Fernbedienung ein kleines bisschen mehr Sicherheit in einer unsicheren Welt.

Ned Wiley

Zehnter Zukunftskongress des 2b AHEAD Think!Tank eröffnet

Am 14. Juni 2011 startete der zehnte Zukunftskongress des innovativen Leipziger ThinkTanks 2b AHEAD im Schlosspark Destedt nahe Braunschweig. Seit zehn Jahren denken und entwerfen 200 CEOs, Markenstrategen und Zukunftsforscher ein Szenario für ein Leben in zehn Jahren.

Das Jubiläum des Zukunftskongresses mit ausgewählten Teilnehmern ist ein Garant für spannende Themen und bemerkenswerte Speaker. Nach der Wirtschaftskrise keimte Hoffnung, eine „alte“ Sicherheit würde wieder hergestellt. Weit gefehlt. Gesellschaftliche Umbrüche auf der ganzen Welt und eine beginnende Verschiebung der wirtschaftlichen Gewichte beschert eine „Ökonomie der Unsicherheit“. Sich dieses Trends zu stellen, Antworten auf neue Fragen zu finden, Gesellschaft und Wirtschaft in ein neues Zeitalter zu führen – dazu dient der Zukunftskongress.

Schlossgeist und Landesbischof

Der virtuelle Schlossgeist, eine unbekannte Schönheit derer von Veltheims, begrüßte Teilnehmer und Ideengeber des Eröffnungs-Panels in der zauberhaften Anlage des Schlossparks Destedts. Wie Unsicherheit unsere Welt verändert – das Thema, welches sich über zwei Tage durch alle Thesen und Keynotes zieht. Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber spricht von den Nöten der Kirche und ihren Visionen. „Denn ohne diese Visionen verkommt das Volk“. Auch wenn die evangelische Kirche der größte Arbeitgeber nach dem VW-Konzern in Niedersachsen ist – ihre Schäflein haben anderes im Kopf, als in Scharen in die Gotteshäuser zu strömen. Die Religionen leiden an Abnahme der Plausibilität und haben kräftige Konkurrenz. Wenn sich Menschen mehr den neuen Technologien, Medien und ihrem Vergnügen widmen, haben es Hirten schwer.

Prof. Dr. Friedrich Weber

Von den Medien lernen

Vom Umbruch wusste auch Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer der Axel Springer AG zu berichten. Zeitungen verlieren stetig Leser, das Onlinegeschäft ist schwer zu monetarisieren. Und die Kommunikation ist keine Einbahnstraße mehr. Walteten früher die Sender (Zeitungen, Radio, Fernsehen) einspurig ihrem Auftrag nach Wissens- und Informationsvermittlung an die Empfänger (Leser, Hörer, Zuschauer), so haben diese heute in kürzester Zeit die Möglichkeit, zu antworten. Die Zahl der Leserbriefe ist im Promillebereich anzusiedeln gegen Tausende Einträge auf den Webseiten durch die Leser an einem Tag. Und noch eines haben die Verlagshäuser gelernt. „Wir sind nicht mehr nur Medium, sondern Kurator. Wie in einer Ausstellung wählen wir aus, was sehenswert ist“. so Keese. Die Verlage müssen Vertrauen in die Kompetenz eines Aggregators aufbauen. Der Leser / Nutzer soll erkennen, dass es professionelle Auswahl wichtiger Informationen gibt.

Christoph Keese

Open Government statt Volks-Ersetzer

Anke Domscheit-Berg, Vorstand von opengov.me, sprach einer realen Demokratie und Transparenz der öffentlichen Verwaltung das Wort. „In zehn Jahren gibt es den gläsernen Staat. In zehn Jahren sind Parlamentarier Volks-Vertreter, und nicht Volks-Ersetzer!“ Kleiner Mann ganz groß, dass gleiche gilt für Lieschen Müller. Meinungsbildungsprozesse finden in rasanter Geschwindigkeit und digital statt. Die Fakten auf den Tisch zu bekommen, ist keine Illusion mehr. Verwaltungen werden ihre Prozesse und Entscheidungen offenlegen müssen. Das Volk will wissen, was in seinem Namen geschieht. Die kollaborativen Elemente einer neuen digitalen Gesellschaft ermöglicht weltweite Kooperationen. Nach Fukushima und dem Kommunikationsdesaster von TEPCO organisierten Menschen Geigerzähler und stellte die gemessenen Daten unverzüglich ins Netz. „Der Wutbürger wird zum Mut-Bürger. Und König von Deutschland kann jeder sein.“, so Domscheit-Berg. Engagement, Partizipation und technische Möglichkeiten wälzen ein ganzes System um.

Anke Domscheit-Berg

Kontrollverlust und Machtgewinn

In einer Welt der unsicheren Sicherheit müssen Unternehmen und Politiker Macht abgeben. Vertuschen, Lügen – bald Schnee von gestern. Öffentlichkeit sorgt für Aufmerksamkeit bei Regelverstößen und unsauberen Machenschaften. Konsum wird demokratisch, der Verbraucher mächtig. Via App werden ethische Werte messbar oder Schadstoffe angezeigt. Und Ökobilanzen bekommen einen (Marken-) Namen. Im Guten wie im Schlechten. Ein intellektuell-quirliger, im wahrsten Wortsinn anstößiger Auftakt ist gemacht im Schlosspark Destedt. Denken kann Spaß machen, auch wenn bei unzähligem Input der Schädel um seine Fassung ringt.