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Ehrenamt Bürgermeister – Leben in Jeetze / Altmark

Rund 600.000 Ehrenamtliche sind in Sachsen-Anhalt in ihrer Freizeit in einem Verein, einer Gruppe oder Initiative aktiv. Das mitteldeutsche Bundesland ist das mit den meisten Ehrenamtlichen. Einer davon ist Wilfried Krüger.

Bürgermeister ehrenhalber

Der graue Kombi hat am Morgen eigentlich nur ein kurzes Stück zu fahren. Vom Wohnhaus bis zum Büro ist es nicht mal ein Kilometer. Diese Strecke wird oft noch durch Stopps unterbrochen. Sei es der Gemeindearbeiter, der Fragen hat, ein Anwohner, der seine Sorgen loswerden will.

Der Fahrer ist Wilfried Krüger, ehrenamtlicher Bürgermeister in Jeetze, einem kleinen Dorf in der nördlichen Altmark, Nähe Salzwedel. Der trainierte Mittfünfziger sitzt nun in seinem kleinen Büro, streicht sich mit seinen Händen durch sein ergrautes festes Haar, während er am Telefon Anweisungen gibt. „Du besorgst die Musik und verhandele den Preis!“ Wilfried Krüger bereitet den Mühlenball vor. Der Verein zur Erhaltung der Windmühle feiert sein 15jähriges Bestehen. Wilfried Krüger ist Vorsitzender. Auf seinem Schreibtisch häufen sich Papiere. Rechnungen, Warenbestellungen und Protokolle aus den Sitzungen des Gemeinderates. Dort kann er seiner Leidenschaft Politik frönen. Der Ort hat etwa 450 Einwohner und die sind sehr rege: Feuerwehr mit Jugendfeuerwehr, Seniorengruppe, Jägerschaft, Mühlenverein, Männergesangsverein. Ein gut besuchter Kindergarten zieht die Kleinen aus der Umgebung an.

Geschäfte sind sein Geschäft

Der gelernter Maurer, vor der Wende Betriebshandwerker in der örtlichen Lederwarenfabrik, machte sich 1990 schnell selbstständig. Erst wurden aus der Garage heraus Getränke verkauft. „Wir sind mit dem LKW in den Westen gefahren und haben Saft, Bier, Wasser von da geholt. Das waren Zeiten“, so Krüger. Danach wird eine kleine Videothek eröffnet. Das Geschäft blüht, jeder will Videos sehen. Leider gibt es ein Feuer, und er muss die gemieteten Videos ersetzen. „Ich war froh, als das abgewickelt war. Außerdem war der Laden schon in Planung.“ Die Dorfstraßenerneuerung war sein größter Coup, da ist er stolz drauf. „Die Fördermittel zu bekommen, war nicht ganz einfach. Doch mit dem kaputten Kopfsteinpflaster ging es nicht mehr weiter!“ Krüger grinst über die ganze Breite des Gesichts. Es ist ihm anzusehen, dass er eng mit dem kleinen Dorf verwachsen ist. „Jeetze hättet ihr mal früher sehen sollen“ sagt er jedem, der ungläubig den blitzblanken Ort bestaunt.

Gemeinde Manager

Ganz selten setzt er sein Bürgermeistergesicht auf, ein ernstes, dienstliches, keinen Widerspruch duldendes Gesicht. Eine wilde Bebauung ohne Genehmigung, ein Hund ohne Leine. Es sind eher die Ausnahmen. Sein Spruch ist. „Leben und leben lassen“. Später kaufte er das Gebäude, in dem auch früher der Einkaufsladen war, baute es aus, schaffte Wege und einen Parkplatz. Eröffnete den Laden neu. Im selben Gebäude auch untergebracht: eine kleine Kneipe mit Veranstaltungsraum. Wilfried Krüger ist immer in Aktion, die Ausdauer in Person, aber als Macher auch unduldsam. „Wenn es nicht vorwärts geht, jemand schlampert, nicht mitzieht, werde ich schnell grimmig“, sagt er. Und das sei der Preis für unendliche Arbeit, Aufreiben im Alltag, die wenige Freizeit: „Der meuternde Magen beschert mir Schmerzen, lässt mich wenig essen.“ Es ist eine Freizeit, die meist im gesellschaftlichen Engagement aufgeht. Da eine Sitzung, dort ein Bauprojekt, hier Besprechung mit dem Bauunternehmer bei der Erneuerung von Straßen und Wegen, da eine Vereinssitzung, auch ohne Mitglied zu sein.

Familienmensch und Multitalent

Das Nebenamt Bürgermeister verpflichtet in dem kleinen Dörfchen. Allerdings wünscht er sich, mehr Zeit für seine Familie und das Geschäft zu haben, das Vereinsleben zu lenken. Krüger, 52, ist geschieden, hat zwei erwachsene Kinder und ist sehr stolzer Großvater eines im Sommer geborenen Enkels. An seinen Kindern hängt der Multijobber Wilfried sehr. Wünsche werden eins zu eins umgesetzt. Er gönnte sich einen neuen Laptop. Lange war er nicht in seinem Besitz. Seine jüngere Tochter brauchte nur mit Kulleraugen und Schmollmund zu drohen, da hatte Krüger mal einen Laptop. Seine Große brachte mit Komplikationen den lang erwarteten Enkel zur Welt.

Als Geschäftsführer des Einkaufsladens und eines Getränkeshops ist Krüger der zentrale Anlaufpunkt im Dorf. Besonders für Ältere ist es die einzige Möglichkeit, sich zu versorgen. Er nimmt Wäsche mit zur Reinigung, besorgt Präsentkörbe für Ehrungen. Fast jeden Abend brennt noch lange das Licht in seinem Büro. Krüger macht die Abrechnungen und Bestellungen für das Geschäft. Doch die schlechte wirtschaftliche Lage merkt er auch beim Umsatz im Geschäft und in der Kneipe. „Die Getränke halten uns über Wasser. Von den Lebensmitteln könnten wir den Laden nicht halten“. Das Dorf entvölkert sich langsam. Es wird gestorben, doch Kinder werden kaum geboren. Die jungen Menschen fliehen aus der dörflichen Stille in die Städte und zu den Arbeitsplätzen im Westen. Eine Hochzeit im Dorf, eine Geburt, das sind echte Höhepunkte im Gemeindeleben. Die Glocken der kleinen Kirche läuten dann aus freudigem Anlass. Wer den noch nicht kennt, ruft dann bei Wilfried Krüger an und fragt danach.

Immer in Action

Der Wirt Wilfried Krüger ist Betreiber einer Gaststätte mit Saal, in dem Feiern stattfinden. Silvester, Seniorentreff, Feuerwehrball, Jägerfest, Geburtstage, wohl jeder im Dorf ist mindestens einmal im Jahr dort zu Gast. Das Konzept: Wilfried Krüger verkauft die Getränke zum Ladenpreis, macht die Feiern dadurch erschwinglich. „So manches Fest endet erst im Morgengrauen. Und wenn das im Winter ist, weißt Du, was das bedeutet“. Er feiert gern mit, kann mit alten Kumpels auch einen drauf machen. Doch danach muss aufgeräumt und sauber gemacht werden, also ist nichts mit Ausschlafen am Sonntagmorgen, nach der großen Sause. Um 10 Uhr öffnet Türen und Fenster, startet die Stereoanlage und rockt über das Parkett. Rockmusik ist seine Welt, auch die Oldies aus der DDR. Er kennt die Texte, singt mit. Krüger fährt jetzt noch zu Karat, den Puhdys oder zur Stern Combo Meissen, feiert auf dem Konzert bis in die Nacht, schläft im Auto. Er kann es nicht lassen. Dort findet er den Ausgleich zu seinem aktiven, anstrengenden Leben. Kann sich noch mal jung fühlen, wird erinnert an wilde Jugendzeiten.

Seine zweite Leidenschaft, die für Politik, wird durch ihn selbst bald beendet werden. „Wir bekommen eine Großgemeinde und dann bin ich kein Bürgermeister mehr. Nächstes Jahr ist es soweit.“ Im Verbund mit den anderen Bürgermeistern der Gegend bereitet Wilfried Krüger die Eingemeindung vor. Er, der gern regiert, bestimmt, die Richtung vorgibt, nimmt Abschied von der Macht.

 

Nachtrag: Dieser Artikel erschien auf einem Blog, der inzwischen eingestellt wurde. Aus Anlaß seines 60. Geburtstages am 13.2.18 habe ich ihn wieder „ausgegraben“ und wünsche Wilfried Krüger auf diesem Weg alles Gute für seinem Weg …

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Mühlenflügel einer Flügelmühle

Beim Jeetzer Mühlenerein gibt es eine Bockwindmühle. Die wurde mit viel Liebe und Aufwand wieder hergerichtet. Und zum 20. Jahrestages des Mühlenvereines gab es eine tolle Vorführung von alter Landtechnik (siehe Video unten).

Und weil Weitwinkel schön weit „gucken“ können, stellte ich mich genau unter die Mühle:

jeetzer bockwindmühle altmark by abendfarben tom koehler

 

Und hier geht es zum Video: