abilene paradox by abendfarben tom koehler

Das Abilene Paradox – Wenn Kooperationen scheitern

Für Geschäftspartner ist nicht immer nachvollziehbar, warum eine Kooperation scheitert. Schließlich habe man sich doch bemüht, auf andere einzugehen. Genau das kann richtig und zugleich falsch sein, wie wir gleich sehen werden.

Ankommen, wo niemand hin will

Eine kürzere Version des Abilene Paradox ist im Fieldbook zur Fünften Disziplin (ein Managementbuch) zu finden. Es beschreibt die Unfähigkeit von Gruppen, ihre Übereinstimmung zu handhaben: Niemand will an einem bestimmten Zielort (Abilene) ankommen, aber aus Angst sich gegenseitig zu verletzen oder zu widersprechen, landen alle genau dort. Wir können annehmen, dass Geschäftspartner in die Geburtsurkunde ihrer Kooperation nicht hineinschreiben: „Wir kooperieren zum Zwecke des Scheiterns“. Und dennoch ist das Scheitern kein Ausnahmefall, nach dem speziell ausgebildete Fachkräfte lange fahnden müssten. Eine etwas längere Version ist in der Wikipedia zu finden. Abilene, eine Stadt in Texas, spielt hier nur eine anekdotische Rolle, um das Paradox zu veranschaulichen:

Ein Familienmitglied möchte seine scheinbar gelangweilte Verwandtschaft mit der spontanen Idee aufheitern, eine Ausfahrt nach Abilene zu unternehmen. Niemand möchte dem Urheber des Vorschlags widersprechen, also macht man sich auf den Weg. Die Tour erweist sich jedoch als anstrengend und unerfreulich. Erschöpft nach Hause zurückgekehrt, versucht ein Familienmitglied den Ausflug als tolles Erlebnis zu deuten. Zunächst nur zaghaft werden Zweifel laut, dann aber geht es ehrlich zur Sache. Am Schluss sind alle Familienmitglieder verblüfft über ihr eigenes Verhalten. Am liebsten wären sie gemütlich zu Hause geblieben.

Auf diese Weise hat die Familie Bekanntschaft mit sich selbst machen dürfen. Möglicherweise hat diese Erfahrung eine Änderung ihrer Kommunikationsgewohnheiten bewirkt. Darauf kommt es hier an, wobei die Sach-, Sozial- und Zeitverhältnisse in geschäftlichen Kooperationen in der Regel komplexer sind.

Kommunikationsbarrieren

Die kurze Lehr-Geschichte lässt sich auch mit Begriffen wie Gruppendenken, kollektives Schubladendenken oder Konformität beschreiben. Wir tun uns schwer damit, unsere Gefühle und Wünsche offen zu äußern. Mit Unterstützung des Hormons Oxytocin dirigiert unser soziales Gehirn die Aufmerksamkeit in Richtung „Anpassung“. Solange unsere innere Landkarte (unsere Vorstellung von der Wirklichkeit) mit dem Gelände (die Wirklichkeit selbst) übereinstimmt, kann kooperatives Verhalten erfolgreich sein. Die Tour nach Abilene kam zustande, weil die Landkarte des Initiators mit dem Gelände (das Denken und Fühlen der anderen) nicht übereinstimmte und ein Abgleich nicht rechtzeitig vorgenommen wurde. In hochorganisierten Gesellschaften muss die Passung zwischen der Landkarte und dem Gelände oft schwer erarbeitet werden. Mehrfaches Scheitern ist nicht ausgeschlossen. Der „gesunde Menschenverstand“ ist dabei nicht immer ein zuverlässiger Begleiter.

abilene  paradox by abendfarben tom koehler

Einige Beispiele:

Woraus lernen?

Nicht immer ist der zeitliche Zusammenhang zwischen einer guten Absicht, der Umsetzung und den Folgen so eng wie in diesem Beispiel. Die Familienmitglieder hatten die Chance, den Ablauf des Tages unmittelbar zu reflektieren und Schlussfolgerungen zu ziehen. In komplexen Geschäftsumfeldern stellen sich die Folgen und Nebenwirkungen unter Umständen nach Monaten oder Jahren ein. Kooperationspartner können oft nicht wissen, woraus sie lernen sollen.

Kleine Ursache – große Wirkung

Die gemeinsame Aufmerksamkeit der Kooperationspartner/innen gilt der Zielerreichung. Kleine Fehler, Abweichungen oder Unstimmigkeiten werden übersehen oder bagatellisiert. Wir erwarten, dass kleine Fehler nur kleine Wirkungen haben können. Das Gegenteil kann der Fall sein: Kunden springen ab, Berechnungen gehen nicht auf, wertvolle Daten verschwinden.

Nicht jedes unerwartete Ereignis ist mit einem Schadensfall verbunden. Zufälle oder widrige Umstände können bei geeigneter Lesart Botschaften enthalten, die auf neue geschäftliche Möglichkeiten hinweisen. Die Kehrseite: Innovationen können die Ergebnisse langjähriger und harter Arbeit mit einem Schlag entwerten. Wer wagt es, diese Investitionen in Frage zu stellen? Auch auf diese Weise können Kommunikationsbarrieren entstehen.

Evolutionär erworbene Eigenschaften

Wenn die geschäftlichen Umfelder komplexer und dynamischer werden, stehen evolutionär erworbene und einst vorteilhafte Eigenschaften wie Selbstüberschätzung oder Selbsttäuschung auf dem Prüfstand. Die möglichen Verluste sollten vorausschauend auf eine vertretbare Höhe des „Lehrgelds“ beschränkt werden.

Kommunikation an Erwartbares und Unerwartetes anpassen

Erwartbar ist, dass Kooperationspartner/innen sich konform verhalten. Das macht erwartbar, dass unerwartete Ereignisse wahrscheinlicher werden. Die Partner/innen könnten ihre Kommunikation so organisieren, dass

  • Ungereimtheiten, kleine Fehler und Abweichungen im Auge behalten werden,
  •  absichtsvoll nach schlechten Nachrichten gefragt wird,
  •  Informationen kritisch auf Mehrdeutigkeiten geprüft werden,
  •  Skeptiker die Chance bekommen, ihre Vorbehalte ausführlich darzulegen,
  •  ein möglichst komplexes Bild der Lage entstehen kann.

Für alle Partner/innen sollte immer kommunizierbar sein, was in einer Kooperation nicht passieren darf. Wer nicht nach „Abilene“ will, sollte das deutlich ansprechen. Dann finden sich auch noch andere, die ebenfalls gern verzichten.

Uli Sager, Hamburg, stellte freudlicherweise den Artikel zur Verfügung. Vielen Dank!

 

 

 

 

 

 

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